Die Vier-Fragen-Probe praktikabel machen

Interview mit Herman Siebens einem der Pioniere der Geschäftsethik in Flandern. Er hat eine methodische Roadmap zur ethischen Analyse konkreter Situationen entwickelt.

01.02.2020

Geschäftsethik, nachhaltiges Wachstum und unternehmerische Gesellschaftsverantwortung – das sind Begriffe, die in der heutigen Geschäftswelt immer wieder auftauchen. Jeder hat eine intuitive Meinung dazu, aber wie begründet man sie? Ein Gespräch über Intuition, Reflexion und Rotarys gesellschaftliche Rolle.

Woher kommt Ihr Interesse an diesem Thema?
Ich war bereits 15 Jahre lang als Religionslehrer tätig, als ich gebeten wurde, den siebten Jahrgängen des Boom College das neue Fach „Wirtschaftsethik“ vorzustellen. Ein Pfarrer in Amerika brachte mich mit Ed Freeman in Kontakt, dem Gründer der „Theorie der Stakeholder“. Diese Theorie hat mir die Augen geöffnet, denn sie bietet eine ganz natürliche Antwort auf die Frage, wie man verantwortungsbewusst handelt. Kurz gesagt, es geht darum, dass Unternehmen nicht nur ihren Aktionären gegenüber rechenschaftspflichtig sind, sondern auch allen Beteiligten oder Interessengruppen gegenüber. Es geht nicht nur um interne Interessengruppen wie Mitarbeiter, Manager und Aktionäre, sondern auch um externe Interessengruppen wie Lieferanten, Kunden und Verbraucher, Anwohner, Umwelt und viele mehr.

Sie haben aber auch mit Schülern zu diesem Thema gearbeitet.
Kurz nach der Veröffentlichung meines ersten Buches über Ethik in der Bildung wurde ich als Redner beim RC Boom-Rupel eingeladen. Nicht viel später wurde ich Mitglied. Das Schulprojekt, das ich mit Karel Darley in Aalst aufgebaut habe, dauerte vier Jahre. Jedes Mal mussten die Schüler einen bestimmten Fall ethisch analysieren und ihre Schlussfolgerungen einer Jury vorstellen. Wir haben die Schüler aller Schulen in der Region angesprochen. Die Gruppen wurden sowohl inhaltlich als auch darstellungstechnisch bewertet. Ihre Grundideen wurden dann umgesetzt. Das Alter zwischen 16 und 22 Jahren ist entscheidend für das ethische Empfinden. Deshalb halte ich es für wichtig, dass die Aufmerksamkeit für die Geschäftsethik nicht bis zum Ende einer Hochschulausbildung ausgespart bleibt.

Die Vier-Fragen-Probe stammt aus dem Jahr 1932. Ist sie heute noch relevant?
Ich glaube schon. Vielleicht könnte die Formulierung ein wenig aktualisiert werden, indem man sich ausdrücklich auf das Konzept der „Stakeholder“ bezieht. Aber der Inhalt der vier Fragen ist so solide wie ein Fels in der Brandung. Die erste Frage – Ist es wahr? – deckt sich vollständig mit dem ersten Schritt meiner Analysemethode: Haben wir alle Informationen über die Fakten, die wir bewerten wollen? In Zeiten von gefälschten Nachrichten und „alternativen Fakten“ ist dies nicht selbstverständlich. Die zweite und vierte Frage – Ist es fair und nützlich für alle Beteiligten? – beziehen sich direkt auf die Interessengruppen. In diesem Sinne war Rotary seiner Zeit weit voraus. Ich denke, die zentrale Frage ist, ob die vier Fragen in jedem Club die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Sie können sich beispielsweise auf eine Frage pro Quartal konzentrieren und diese dann jeweils eine halbe Stunde lang diskutieren. Was genau bedeutet das? Wie wenden wir sie an, im Club, in unserem Berufsleben und in der Gesellschaft im Allgemeinen?

Ethik basiert auf Werten. Inwieweit können sie objektiviert werden?
Im Laufe der Zeit habe ich mich von dem Begriff „Werte“ distanziert. Als Theologe habe ich ständig an Werten und Tugenden gearbeitet, aber in der Praxis bin ich mit ihnen nicht sehr weit gekommen. Ich habe eine Alternative in der Wirtschaft gefunden, wo die Menschen von „Bedürfnissen“ sprechen. Etwas „Wertvolles“ bietet dann eine Antwort auf ein Bedürfnis. Im Englischen sprechen wir jedoch von „a party concerned“. Dies hat mein Denken in Richtung „Anliegen“ (concerns) gelenkt. Darum geht es: was mich wach hält, aus welchem Grund auch immer. Das Schöne am Stakeholder-Modell ist, dass es die Anliegen anderer Menschen berücksichtigt – auch die von weniger artikulierten Parteien. Natürlich ist es kein allumfassendes Allheilmittel. Es bleibt eine schwierige Aufgabe, die Interessen aller Beteiligten optimal zu vertreten, oft mit begrenzten Ressourcen.

Reicht es nicht, wenn sich ein Manager einfach an das Gesetz hält?
Das wäre sicherlich eine gute Sache. Belgien verfügt wie Deutschland über eine solide Gesetzgebung – in allen möglichen Bereichen. Dies ist sicherlich nicht in allen Ländern der Fall, so dass es dort ein ernstes Problem gibt. Grundsätzlich bin ich jedoch auch nicht dafür, die soziale Verantwortung der Unternehmen vollständig in die Gesetzgebung aufzunehmen. Ich glaube nicht, dass Unternehmer auf mehr Regeln, Verfahren und Verwaltung warten. Ich glaube mehr an einen Mentalitätswechsel und an Selbstregulierung.

Meiner Meinung nach ist der einzige Weg, verantwortungsvolleres Handeln auf allen Ebenen zu erreichen, die Stimulierung einer intrinsischen moralischen Sensibilität – was die Menschen früher als „ihr Gewissen“ bezeichneten. Und dann kommen wir auf die Bedeutung der Bildung zurück, denn dort entstehen neue Ideen.

Ethisches Führungsverhalten ist für Sie von entscheidender Bedeutung. Haben Sie den Eindruck, dass da vieles schiefläuft?
Zu diesem Thema sind zahlreiche Bücher erschienen, aber leider nicht immer mit einem praktischen Ansatz. Bewusste ethische Führung ist alles andere als selbstverständlich. Sie beschränkt sich oft auf bewundernswerte Ausnahmen. Ich habe viele Male gesehen, dass die ethische Vision eines Unternehmens verschwindet, wenn sich ein visionärer Lenker verabschiedet. Die Aufmerksamkeit für Ethik kann sich dann schnell verflüchtigen unter dem Druck aller möglichen Faktoren. Deshalb ist es auch weiterhin wichtig, jeder neuen Generation die notwendige ethische Kompetenz zu geben.

In Boom war mein eigener Vater Leiter eines Unternehmens mit 70 Mitarbeitern. Einmal übten die Großaktionäre großen Druck aus, den Jahresabschluss zu falsifizieren, was er dreimal verweigert hatte. Das kostete ihn seinen Job, aber er dachte, es sei wichtiger, seinem Gewissen zu folgen. Dafür habe ich ihn immer sehr bewundert, auch wenn diese Entscheidung unserer Familie finanzielle Schwierigkeiten bereitet hat.

Wie kann Rotary die Berufsethik weiter fördern?
Ich plädiere auch weiterhin für Bildungsprojekte, weil sie langfristig einen großen Unterschied machen können. Darüber hinaus können Sie als Verein einen lokalen Preis für unternehmerische Verantwortung vergeben und gute Beispiele auf Ihrer Website oder im Gemeinde-Informationsblatt hervorheben.

Mit etwas Kreativität gibt es viele Möglichkeiten, dieses Thema mit begrenzten Mitteln in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Im Idealfall würde dies zu einem breit abgestützten Projekt auf Distriktoder nationaler Ebene führen. Rotarier haben das Recht, dieses Thema aus gutem Grund einzufordern, weil es sie von anderen Serviceorganisationen unterscheidet. Tatsächlich sehe ich hier reales Wachstumspotenzial. Nachwuchskräfte engagieren sich stark bei Themen wie Ethik, ökologische Nachhaltigkeit und verantwortungsvolles Handeln. Dies kann ein Ausgangspunkt sein, um sie an Rotary heranzuführen. Natürlich kann auch Rotaract dabei eine wichtige Rolle spielen. Ich würde sagen: Wage es, dich über ethische Themen zu profilieren und die Früchte zu ernten.

Das Gespräch führte Steven Vermeylen für das belgische Magazin Rotary Contact

Quelle: https://rotary.de/gesellschaft/die-vier-fragen-probe-praktikabel-machen-a-15485.html

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